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Die Tyrannei des Augenblicks

Date posted: January 5th, 2002 Last modified: November 15, 2006

Etwas gegen laengere Mittagspausen? Gegen zwei dreistuendige Pausen pro Jahr mitten in der Arbeitszeit? Mit Zeit fuer ein Picknick, Gespraeche mit Kollegen? Einen Email-freien Monat, mobiltelefonfreie Restaurante und Busse? Weniger, dafuer laengere Artikel in der Zeitung? Offene Plaetze, verschnoerkelte Gassen und schoene Haeuser, die zum Anhalten einladen? Troedeln als Tugend anzusehen, solange man nicht andere schaedigt? “Langsamkeit muss beschuetzt werden”, meint Thomas Hylland Eriksen, einer der bekanntesten und originellsten Ethnologen Norwegens in seinem neuen Buch “Øyeblikkets Tyranni” - die Tyrannei des Augenblicks.

Das Buch handelt um die Nebenwirkungen von Internet, e-mail, Mobiltelefonie und anderer neuer Informationstechnologie: Es geht Fragen nach wie: Wie kann es sein, dass wir trotz neuer Informationstechnologie weniger Zeit haben als frueher? Warum fuehrt mehr Information zu weniger Wissen? Und warum finden wir immer noch, das dass das Starten des Programmes Word zu lange dauert?

Dem Autor geht es nicht wie viele andere Kultur- und Geisteswissenschaftler darum, Technologie zu verdammen. Schon 1996 - lange bevor sich der Mann auf der Strasse einen Internetnetanschluss besorgte, war Thomas Hylland Eriksen mit einer eigenen Homepage im Netz vertreten. Technik muss vernuenftig genutzt werden. Und das kann man nur, wenn man die Nebenwirkungen von Technik kennt. Deshalb das Buch. Neben einem historischen Teil ueber Veraenderungen in unserer Auffassung von Zeit enthaelt das Buch auch ein ganzes Kapitel, in denen Eriksen Vorschlaege zum Schutz von “langsamer Zeit” unterbreitet - im Arbeits- wie im Privatleben.
Erstmals in der Geschichte besteht keine Knappheit an Information, sondern ein Ueberfluss. “Mehr von allem” ist die Tendenz - bei der Anzahl an Zeitschriften, neuen Buechern, Doktorarbeiten, Internetseiten und privater wie geschaeftlicher Kommunikation (Telefonleitungen, Flug- und Autoreisen). “In der Informationsgesellschaft herrscht Knappheit an Freiheit von Information”, schreibt Eriksen. “Wenn ich in einem Buchladen bin, betrachte ich es als Sieg, mindestens eine halbe Stunde darin zu verbringen und mit leeren Haenden heraus zu gehen.” Das, so meint der 39jaehrige, beweise, dass seine Filter noch intakt seien.

Freie Zeit, “die Zwischenraeume” in Eriksens Vokabular, werden mit “schneller Zeit” zugestopft. Wir sind es gewohnt mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Wir schauen beim Essen TV. Waehrend wir auf den Fahrstuhl warten, lesen wir Zeitung. Fuer Informationsanbieter ist unsere Zeit die wichtigste Ressource. “Der Kampf um die freien Sekunden ist im Gange.” Immer mehr wird in immer kleinere Luecken reingestopft. Zeitungsartikel werden kuerzer, besonders im Internet blueht Haeppchenjournalismus, auf WAP-Telefonen ist nur Platz fuer eine Schlagzeile. Selbst Auffuehrungen klassischer Theaterstuecke sollen weniger lange dauern als frueher.

Schnelle Zeit gewinnt gegen langsame Zeit. Schnelligkeit ist ein abhaengig machender, narkotischer Stoff. Schnelligkeit fuehrt zu Forderungen nach noch mehr Schnelligkeit. Wenn wir uns an einen Standard von Schnelligkeit gewohnt haben, gibt es keinen Weg zurueck mehr. Wir sind erst zufrieden, wenn Internetseiten in der selben Sekunde erscheinen, wie wir auf die Taste druecken. Emails werden so schnell geschrieben, dass Stil und Syntax darunter leiden. Frueher, als wir noch Papierbriefe schrieben, warteten wir mehrere Wochen auf eine Antwort, heute werden wir bereits 30 Sekunden nachdem wir auf den “Senden”-Button gedrueckt haben ungeduldig.

Die gesamte Kulturgeschichte liesse ich unter dem Aspekt von Schnelligkeit und Anonymisierung von Beziehungen schreiben, meint Thomas Hylland Eriksen. Jede Erfindung der Vergangenheit trug ihren Teil zu der heutigen Situation bei.
Die grossen Einschnitte in der Technologiegeschichte folgten immer schneller aufeinander. Der erste grosse Einschnitt war die Schrift. Sie erlaunbte es, Gedanken von Menschen festzuhalten, man brauchte nicht mehr mit ihnen reden. Wissen konnte sich komulativ entwickeln: Man musste sich die Texte nicht mehr merken. Die Einfuehrung von Schrift machte den Anfang des Uebergangs von einer konkreten zu einer abstrakten Gemeinschaft aus, so Eriksen.

Der naechste Einschnitt ist die Uhr. Sie wurde urspruenglich eingefuehrt, um die christlichen Gebetszeiten zu steuern (der Muezzin uebernahm dieselbe Aufgabe im Islam). Die Uhr externalisiert die Zeit: Zeit existiert nun ausserhalb unserer Erfahrung, wird messbar. 1889 klagte der Filosof und Nobelpreistraeger Henri Bergson ueber diese “leere” messbare Zeit, die uns von aussen steuere. Wir sollten uns lieber von unserem eigenen Rhythmus und dem Rhythmus unserer Aufgaben leiten lassen.

Geld ist eine Informationstechnologie, die genauso wirkt wie die Schrift und die Uhr. Es abstrahiert Handlungen. Frueher basierten Kauf und Verkauf auf Vertrauen, man kannte einander. Das ist heute nicht mehr notwendig.

Anhand weiterer Beispiele zeigt Eriksen auf, dass die Gesellschaft immer abstrakter wurde. Zentral ist hier die Industrielle Revolution und der Fortschrittsglauben. Besonders letzter fuehrte uns in die augenblickszentrierte Zeit: “Die Uhr, die Buchdruckerkunst, die Wissenschaft und ihre Technologie, die industrielle Produktionsweise und der Kapitalismus machen das kulturelle Paket aus, das Fortschrittsglauebigkeit schafft.”

Was ist bedenklich an dieser Entwicklung von langsamer zu schneller Zeit?

  • Schnelligkeit fuehrt zu Vereinfachungen und zum Verlust von Praezision: Nur ein Tag dauerte es, bis alle EU-Staaten Sanktionen gegen Oesterreich eingefuehrt haben, nachdem die rechtsextreme FPØ in die Regierung gekommen war. Staendige Aktualisierung ist das A und O bei Nachrichtenseiten im Internet, worunter unter anderem die Quellenkritik leidet. In der Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Lesers, der im Falle der norwegischen Nettavisen (ihr Ableger in Deutschland ist die Netzeitung) durchschnittlich nur 45 Sekunden auf der Seite verweilt, werden die Artikel immer kuerzer. Die Botschaft wird deutlicher, fuer “langsame” Hintergrundanalysen bleibt kein Platz.
  • Schnelligkeit fuehrt zur Fliessbandproduktion: Manche Waren wie Plastikeimer werden nicht unbedingt schlechter, wenn man sie schnell und in Massen produziert. Anders sieht es bei Wein oder Fleisch (Huehner, die laenger leben duerfen, schmecken besser) aus. Oder auch Rasen wie eine Anedokte ausdrueckt: “Was muessen wir machen, um auch so schoene Rasen zu haben wie Ihr”, fragte ein Amerikaner einen Englaender. “Beginne vor 400 Jahren”, lautete die Antwort.
  • Mehr Schnelligkeit fuehrt nicht immer zu mehr Effektivitaet: PCs werden zwar immer schneller. Dafuer werden die Programme immger groesser, komplexer und absturzanfaellig. Im Endeffekt braucht man heute mehr Zeit fuer dieselbe Aufgabe. Elektronische Zeitplaner sind so gestaltet, dass die meisten Nutzer sehr viel Zeit brauchen, um herauszufinden, wie sie ihre Zeit planen sollen. Trotz (oder wegen?) Informationstechnologie verbringen immer mehr Leute immer mehr Zeit in Sitzungen, am Telefon, mit Emails schreiben, Formulare ausfuellen, Protokolle schreiben.

Immer schneller, immer effektiver und immer mehr von allem - diese Entwicklung hat bedenkliche Auswirkung auf unser Leben zu Hause und auf der Arbeit.

  • Das Arbeitsleben wird flexibler, aber unsicherer: Soziologe Richard Sennert schreibt von erfolgreichen Menschen, die kaempfen, ein eigenes Leben zu fuehren (”struggle to have a life”). Sie reisen viel, haben das betriebseigene Mobiltelefon auf Druck von oben staendig angeschaltet, stehen unter Druck und sind nicht selten “ausgebrannt” (inzwischen eine gaengige Vokabel im Norwegischen), bevor sie 35 Jahre alt sind.
  • Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt: Viele Firmen stellen ihren Mitarbeitern Laptops zur Verfuegung, damit zu Hause weiter gearbeitet werden kann. Immer mehr Leute haben nie richtig frei. Angestellte in vielen Branchen - Journalisten, Webentwickler etc erleben, dass die schnelle Zeit der Arbeit die langsame Zeit des Privatlebens auffrisst.
  • Familienleben ist langsam und deswegen unzeitgemaess: Das Familienleben muss sich dem Arbeitsleben unterordnen. Viele Arbeitgeber stellen ledige Mitarbeiter ein, die darauf eingestellt, rund um die Uhr zu arbeiten.
  • Der Verbrauch stapelt sich in die Hoehe, Zusammenhaenge verschwinden: Wir konsumieren immer mehr in immer kuerzerer Zeit. Wir ziehen “Instantaktivitaeten” vor, gehen ins Fitnessstudio statt den langen Weg in die Natur auf uns zu nehmen. Es bleibt immer weniger Zeit fuer jede Aktivitaet. Das fuehrt nicht nur zu Stress, sondern auch zu Fundamentalismus (Ignoranz der Komplexitaet des Lebens) oder Handlungslaehmung. Das Resultat: Unser Leben besteht aus Augenblicken, die in rasanter Geschwindigkeit still stehen.

Anfangs habe ich einige seiner Loesungsvorschlaege vorgestellt. Er legt Wert darauf, dass persoenliche Massnahmen (wie “Jeden Donnerstag und Montag lese ich eine Zeitschrift statt einer Zeitung” oder “nach der Arbeitszeit bin ich bis halb neun Uhr mit meiner Famile zusammen und fuer die Aussenwelt nicht erreichbar”) nur ein Anfang sind. Die Gesellschaft als Ganze muss sich zu mehr Langsamkeit bekennen.

  • Langsamkeit wird in die Presseethik aufgenommen: Es waere ein Vergehen gegen die Richtlinien, wuerden Nachrichten aus der Genforschung genauso vermittelt wie der neueste Klatsch aus der Popmusikwelt.
  • Langsamkeit und Zusammenhang werden Kampfsachen der Gewerkschaft: Was nutzt eine fuenfte Ferienwoche, wenn man bereits vor der Mittagspause am ersten Arbeitstag ferienreif ist?
  • Die Behoerden beschliessen zwei halbe freie Tage pro Jahr mitten am Arbeitstag, zum Beispiel von 11-14 Uhr. Thomas Hylland Eriksen ist Mitglied der 070605-Bewegung . Diese hatte am 7. Juni 2000 “eine langsame Mittagspause” in Oslo organisiert. Die Betriebe sollten von 12-13 schliessen, die Mitarbeiter die Stunde in Ruhe geniessen. Laeden boten “slow food” an, Menschen setzten sich mit einem Picknickkorb auf einen belebten Platz, andere gingen spazieren. “So kann man mal zwei oder sogar drei Gedanken hintereinander denken. Manche werden entdecken, dass die Welt weiter geht, auch wenn man ein Buch liest oder mit Kollegen redet statt gebannt vor dem Telefon und dem Computer sitzt.”

Ich finde, er gibt eine reelle Beschreibung, die im Buch freilich nuancierter ist als in meiner Zusammenfassung. Nicht alles ist neu, doch der Sachverhalt ist selten so gut analysiert und mit einem Berg an Fakten belegt worden (”Er ist so klug, so klug”, gab eine Bekannte waehrend ihrer Lektuere des Buches von sich). Schnelligkeit als narkotischer Stoff, Zwischenraeume, die zugestopft werden, Stapelung von Fakten, Augenblicke, die in rasender Geschwindigkeit stillstehen - das sind Bilder, die der Leser nicht so schnell vergisst - und anregen!

Thomas Hylland Eriksen (2001): Øyeblikkets tyranni. Rask og langsom tid i informasjonsalderen

Mehr im Netz:

Thomas Hylland Eriksens Homepage (englisch)

070605-Bewegung (norwegisch)

NEU:

Das Buch gibt es seit Herbst 2002 auf englisch. Thomas Hylland Eriksen stellt es selber vor. zur Besprechung und inzwischen gibt es das Buch auch auf Deutsch: Mehr Info bei amazon.de und socialnet.de


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