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Nachrichtensendungen als “Jugend forscht”

Date posted: March 28th, 2001 Last modified: December 2, 2007

Der ehemalige “Heute Journal” Moderator Alexander Niemetz kritisiert im Burghof die Nachrichtensendungen des Fernsehens

LÖRRACH. “Glauben Sie mir? Wenn ja, warum?” Nachdenkliche Stille im Burghof. Alexander Niemetz, ehemaliger Moderator der “Heute Journal” (ZDF), stellte gleich zu Beginn die zentrale Frage. “Die Welt der Medien – Wahrheit oder Manipulation?” war Thema des Vortrags.

Seine wichtigste These: “Sie werden immer dümmer. Und Sie können nichts daran ändern.” Niemetz, der auf Einladung der Volksbank Dreiländereck im voll besetzten Burghof referierte, macht sich Sorgen über die Qualität der Nachrichtensendungen im Fernsehen. Seiner Meinung nach macht uns die Vielfalt an Information, die uns heute zur Verfügung steht, nicht klüger.

471niemetz.jpg Nicht Information, sondern Unterhaltung sei das Ziel der Programmmacher: “Die Verpackung ist wichtiger als der Inhalt.” Weniger populäre Themen verschwinden, für Katastrophen und Unglücke werde mehr Platz in den Sendungen eingeräumt als für Politik. Diese Tendenz betreffe inzwischen nicht nur die Privaten, immer mehr auch ARD und ZDF. Damit nicht genug. Die Sender sparen am Personal und an der Ausbildung des Nachwuchses.

Die heute viel größere Anzahl an Nachrichtensendungen als früher werde von der selben Anzahl von Mitarbeitern gemacht. “Man hat keine Zeit mehr, darüber nach zu denken, was man sendet.” Zudem fehle vielen Mitarbeitern Wissen und Erfahrung, um Ereignisse zu bewerten.

Alexander Niemetz wiederholte in Lörrach seine Kritik, die er im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit seinem Abgang (ihm war die Vermischung privater und beruflicher Interessen vorgeworfen worden) geäußert und die damals für einige Aufregung gesorgt hatte: Nachrichten würden fast nur noch von Studenten, Freien Mitarbeitern und “Hiwis” gemacht und nicht mehr von gestandenen Profis. Die Sendungen seien zu einer Art “Jugend forscht” geworden.

“Die Grenze zwischen professionellen und nicht professionellen Nachrichtenmachern in Deutschland”, so sieht es Niemetz, “ist verludert.” Nachrichten hätten nicht mehr Hand und Fuß.

Der Schweizer Alexander Niemetz aus Balsthal bei Solothurn ist ein geübter Redner. Seine vielen Kunstpausen, Wiederholungen und seine einfache deutliche Sprache fesselten bei diesem Auftritt in der Reihe “Begegnungen im Dreiländereck”: die Rede war gut verpackt. Doch was er über die Medien sagte, galt auch für ihn. Auch er wählte aus, gewichtete, interpretierte, manipulierte. Ob man der “Jagd nach den Quoten” und dem “Werteverfall” die Hauptschuld an der Entwicklung geben kann, wie er das tat, oder ob es eher der Neoliberalismus ist, mit der zunehmenden Monopolbildung im Medienbereich und den sich verschlechternden Arbeitsbedingungen für Journalisten – darüber lässt sich streiten.

Dass es auch positive Entwicklungen gibt, wie etwa ntv oder arte – darauf ging er erst auf Nachfragen aus dem Publikum ein.

Die größere Bandbreite an Nachrichten und Information im Internet, welche totalitäre Regimes das Fürchten lehrt, ließ er unerwähnt. Und auf keiner sachlichen Grundlage steht seine Behauptung, wir seien dümmer, weil wir – im Gegensatz zu unseren Vorfahren des 13. Jahrhunderts – das Weltwissen nicht mehr überschauen könnten. Denn damals galt die Erde noch als eine Scheibe.

Lorenz Khazaleh, Badische Zeitung 28.3.2001


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