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Telefongespräch mit Black-Tiger am 26. April 1998





Muss man denn immer auf Englisch rappen? Warum nicht auf Baseldeutsch? Dann versteht wenigstens jeder, was man erzählt. 1991 sorgte Black Tiger noch für Furore in der Szene, als er als Erster auf Mundart rappte, jetzt ist Dialekt im Hip-Hop so selbstverständlich wie in der Volksmusik. Tiger zählt zu den besten Rappern in der Szene. Seine Gruppe Skeltigeron hatte kurz vor dem Interview einen Nachwuchswettbewerb unter Schweizer Bands anlässlich der 150-Jahr-Feier der Schweiz gewonnen. Tiger engagiert sich für die Szene, organisierte unter anderem eine Anti-Drogen-Aktion ("Wake Up"), war aktiv in der Hip-Hop-Vereinigung "B4R" und spielte im Hip-Hop-Stück GleisX mit.

Ich rief an, um den Interview-Termin mit ihm vorzuverlegen. Erst eineinhalb Stunden später legte ich wieder auf. Er fragt mich nach dem Ziel meiner Forschung. Ich antwortete: Die Hip-Hop-Kultur mit der Stadt Basel in Verbindung bringen. Es geht um die Situation von jungen Leuten in Basel. Black Tiger erklärt:



Black Tiger - Also das Hauptproblem ist Geld für Projekte. Es ist ein harter Weg, aus einer Idee etwas zu machen, eine Organisation oder eine Plattenfirma. Ich habe lange daran gearbeitet. Fünf Jahre, ohne etwas zu veröffentlichen. Zweieinhalb Jahre lang habe ich jeden Tag, ich übertreibe nicht, Beats zusammen gemischt. Dann wurde ich unzufrieden, habe das Aufnehmen abgebrochen und versuchte neue Wege zu finden.

Ich bekam ein Engagement im Theater Basel im Stück Vinny von Klaus Pohl, wo ich Texte gerappt habe. Das war eine Startchance für mich, um an Geld zu kommen, das ich auf die Seite legen konnte. Ich habe gespart, bis ich genug für eine Ausrüstung, einen Sampler für mehrere Tausend Franken, zusammen hatte.

Viele haben Ideen für Projekte. Sie müssen erst mal Geld zusammensparen um nicht abhängig zu sein von Leuten, die die Infrastruktur haben. Es ist extrem wichtig, dass es für Hip-Hop ein eigenes Studio gibt und auch Jüngeren zur Verfügung steht, gerade für neue Gruppen, die noch nicht soviel Geld haben. Im Tanzbereich ist es so, dass Tanzflächen fehlen. Allerdings wird auch nicht überall trainiert, wo man könnte. Das liegt wohl an Fehlinformationen.

Beim Sprühen geht es immer noch ab, obwohl durch die Polizei viel zerschlagen wurde. Jedoch nicht alles. Das Niveau ist nicht besser geworden. Viele Gute haben aufgehört, und die Jüngeren kopieren nur. Jeder muss erst seine Anzahl Jahre haben. Viele fangen an, ohne viel zu können und sprühen blindlings die ganze Stadt zu. Das verschlechtert dann unser Image.

Der DJ-Bereich floriert am meisten. DJs sind sehr angesagt. Allerdings bekommen sie längst nicht so grosse Gagen wie Techno-DJs, die Tausende an einem Abend verdienen können. Basel ist auch keine Metropole. Wir haben hier zwar eine starke Untergrundkultur. Zürich ist jedoch die internationale Metropole. Die grossen Rapgruppen kommen nach Zürich und nicht nach Basel. Zürich ist auch die Metropole, was Geld, Platten und Medien angeht. Alle grossen Medien sitzen in Zürich oder in Bern. Dabei kommt Basel oft zu kurz. Allerdings ist auch in Basel jetzt einiges am Laufen. Die Zeit wird immer reifer ....


Aber profitiert Basel nicht auch durch seine Grenzlage zu Frankreich und Deutschland?

- Wir haben nur spärlichen Kontakt. International ist Basel auch, aber nicht im Hip-Hop-Business. Zürich ist das Zentrum aller modernen Musikrichtungen. Es liegt auch am Flavour einer Stadt. Wenn viele internationale Acts in die Stadt kommen und man als Vorgruppe spielen kann, ist das Niveau gleich ganz anders.

Verstehst Du, was ich meine? Dann ist auch die Bereitschaft grösser, sich zu verkaufen. Man hat bessere Möglichkeiten. In Basel ist man nicht so aktiv, was Marketing betrifft, vor allem auf die ganze Schweiz bezogen. Hier zieht man sich mehr zurück auf die Stadt. Was die Internationalität für die Schweiz betrifft sind die drei, vier Sprachen schon eine Besonderheit. Das ergibt komische Konstellationen. In Lausanne und Genf schaut man in Richtung Paris, wir dagegen mehr in Richtung Deutschland.


Deutschland? Nicht in die USA?

- Ja, klar ist die USA die Nummer Eins, das ist sie ja auch in Frankreich und Lausanne. Businessmässig hat es aber Deutschland gepackt. Da gibt es eine grosse Szene, Plattenfirmen, da gibt es Leute, die zu 100 Prozent von Hip-Hop leben. In der Schweiz kann fast niemand vom Hip-Hop leben. Dazu ist die Schweiz zu klein. Allerdings steckt alles zur Zeit (April 1998!) in den Startlöchern. Mit Baselland ist ein Projekt im Mai in Aussicht, aus Bern und Zürich haben wir Anfragen zu Samplern bekommen.

Hip-Hop besteht für mich aus den vier Elementen MCing, Sprühen, DJ-ing und Breakdancen. Ich weiss nicht, was Du zur Geschichte des Hip-Hop weisst. Es ist ja afro-amerikanischen Ursprungs, kommt vom Geschichtenerzählen der Griots, eigentlich aus Afrika importiert, auch der Wettbewerb ...


... Den Wettbewerb, den Bambaata genutzt hat...

- ... um Kreativität statt Gewalt durchzusetzen, ja. Hip-Hop dreht sich immer um Wettbewerb, um die Frage: Wer ist der Beste? Doch je länger du dabei bist, umso mehr wird dir bewusst, dass es eigentlich keinen Besten gibt, sondern nur sehr viele Gute und sehr viele verschiedene Stile.

Du brauchst, ich weiss, das klingt für Aussenstehende vielleicht etwas komisch, eine gewisse Coolness, eine easy Haltung, eine Relaxtheit, die Überzeugung, dass man gut ist. Man hebt sich mit etwas hervor, von dem man weiss, dass man darin gut ist, mit etwas das man beherrscht, woran man gearbeitet hat. Um sich vorzustellen und sagen "Ich hab skillz".

Ich hab nie richtig an Battles mitgemacht. Das macht man in Basel auch kaum, nicht so wie in Zürich. Die gehen auch nicht immer friedlich ab. Ich habe nicht darüber gerappt "Ich bin der Beste", sondern über Sprühszenen, von Verfolgungen von der Polizei, über Drogen und Rassismus. Ich bekam dann allerdings schnell das Image des Anti-Drogen-Rappers, des Politisch Korrekten. Ich hab nicht dieses Konkurrenzdenken "Ich bin der Beste", sondern eher "Ich bin gut und kann das zugeben".


Wie bist Du eigentlich zum Hip-Hop gekommen?

- Durch meine Mutter. Sie wollte mich in den Film Wild Style mitnehmen. Aber damals wollte ich noch nicht. Sie hat mich dann ins Gewerbemuseum geschleppt wegen einer Graffiti-Ausstellung. Da hats Peng gemacht. Ich begann mit meinen ersten Graffiti-Skizzen, ich hörte viel Grandmaster Flash und Kurtis Blow. 1984 habe ich begonnen, Texte nachzurappen, 1987 habe ich meine ersten Texte geschrieben. 1989/90 bin ich in die Szene rein und habe in der Line gesprüht. Da habe ich viele Leute getroffen.


Erst dann? Wieso hat das solange gedauert?

- Ich bin keiner, der sich anbiedert, und meine Kollegen waren keine Hip-Hopper. Das war ein Deal mit meiner Mutter, nicht vorher mit dem Sprühen anzufangen.


Wann war Dein erster Auftritt als MC?

- 1991, das war bei einem Graffiti-Happening als Gastrapper bei P-27, mit denen ich auf dem Fresh-Stuff-Sampler erschien. Ich war da der Erste aus der Hip-Hop-Szene, der auf Schweizerdeutsch gerappt hat. Das war der Startschuss für den Schweizerdeutsch-Rap. Auf dem Fresh-Stuff-3-Sampler war dann fast jeder Rap auf Schweizerdeutsch.

Ich rappe nicht aus Patriotismus auf Schweizerdeutsch, sondern weil Schweizerdeutsch meine Muttersprache ist. In Basel gibt es auch Leute, die auf griechisch, italienisch, spanisch und französisch rappen.


Man liest immer wieder, Hip-Hop sei eine Minderheitenkultur, gut für Leute, um ihren Frust abzulassen. Scheint mir aber gar nicht so.

- Die meisten sehen sich nicht als Gewinner in der Gesellschaft. Als Musiker werden sie auch belächelt, Hip-Hop ist in der Schweiz nicht so anerkannt wie in Deutschland. Hip-Hop solidarisiert. Hip-Hop ist eine Therapie. Und zwar für alle, die ihn betreiben. Man wird nämlich automatisch besser mit der Zeit, wenn man daran arbeitet. Wenn ich den Schritt nicht kann, arbeite ich daran.

Es braucht viel Fleiss, aber auch Talent. Hast du beides, wirst du gut. Das ist oft ein langer Weg. Deshalb ist auch die Hierarchie im Hip-Hop so stark. Die, die länger dabei sind, werden von den Jüngeren herausgefordert. Es ist ein ewiges Messen. Das Niveau wird dabei tendenziell immer höher. Wir haben bei Null angefangen. Als wir angefangen haben, gab es noch keinen Schweizer Rap. Die Leute haben uns angeschaut: Schweizer Rap? Für Junge ist es heute legitim. In Deutschland ja auch.


In Frankreich aber schon länger, oder?

- Ja, Frankreich war auch massgebend für uns. Ich war in Paris in 1987/88, da habe ich in einer Disco eine Rapgruppe gesehen, die hat auf französisch gerappt. Und das Publikum hat mitgerappt. Das war das Erlebnis. Die können die Texte - Wow! Das ist doch, was Rap sein sollte. Deshalb rappen wir ja, damit es das Publikum versteht - und reagiert - mit einem Gegenrap, wenn jemand nicht einig ist. Das ist afro-amerikanische Kultur. Im Soul und im Blues hat man auch solche Lieder, im Pop gar nicht. Dieses Frage-Antwort-Spiel hat man inzwischen höchstens vom Hip-Hop übernommen.

Ich glaube auch, dass das ein Grund gewesen sein könnte, weshalb wir (Skeltigeron) den Nachwuchswetttbewerb gewonnen haben. Wir haben mit dem Publikum geredet. Im Pop sagt man nur "Das nächste Lied heisst...", verstehst Du?


Das ist mir auch bei Eurer Party aufgefallen mit Luana (Chéjah) ...

- Das wird man auch sehen bei unserer Party am 9. Mai 1998. So viele Rapper hatten wir noch nie auf einer Bühne in Basel. (...) Zur Therapie. Hip-Hop ist eine Therapie für alle. Man reflektiert darin, was man macht. Die Leute sehen dich, können dich kritisieren. Du musst Kritik ertragen können. Wir geben zu, dass wir gut sind. Wir wollen nicht in der grauen Masse verschwinden, wollen unser eigenes Monument erschaffen, zeigen, wer wir sind.

Das erzeugt natürlich enormen Druck, Leistungsdruck. Ich glaube auch, dass deshalb so wenige Mädchen dabei sind. Nicht weil sie die Leistung nicht erbringen können, sondern weil das ihnen, glaube ich, einfach zu blöd ist. Es gibt auch sehr viele Arrogante, die sagen, du kannst nichts, geh heim üben.

Die verwechseln etwas. Ich bin erzogen worden, vor jeder Person, die ich nicht kenne, Respekt zu haben. Ein Schüler sagte einmal zu mir: "Die Leute finden mich besser als dich." Im ersten Moment war das ein Schlag ins Gesicht. Dann dachte ich: Na und? Wäre doch langweilig, wenn wir alle denselben Geschmack haben. Ich arbeite an mir, weil ich Ehrgeiz habe. Das verwechseln viele mit dem Leistungsdruck im Hip-Hop.

Hip-Hop wird von den Leuten getragen, die konsumieren. Das Publikum ist wichtig. Wir leben vom Publikum, das müssen wir eingestehen. Hip-Hop entstand in Europa in einem geschlossenen Kreis. Breakdancer, Sprayer und DJs waren im Publikum. Da war jeder aktiv. So hat das begonnen, das kennt heute kaum mehr einer zwischen 14 und 18 so. Sie kennen Hip-Hop von Viva. Dort hören sie zum ersten Mal von der Old School, von Grandmaster Flash.

Jede Generation hat ihre eigenen Vorbilder. Man braucht ein Verständnis für Geschichte. Das gilt auch für Hip-Hop. Dass man weiss, wem wir Hip-Hop zu verdanken haben. Das ist wichtig zu wissen. Das Rappen von Grandmaster Flash und der Old-School war sehr einfach, heute gibt es so viele Facetten. Die Rhymes werden immer ausgefeilter. Der Groove wird flüssiger, breitet sich in alle Richtungen aus. Darauf wird extrem geachtet.

Nur die Leute bekommen props (respect), bei denen das stimmt. Zum Beispiel Maximilian von Freundeskreis. Freundeskreis mag man auch im Untergrund. Es gibt auch Elemente, bei denen sich die Geister scheiden. Fettes Brot zum Beispiel ist für manche nicht ernst genug. Ich dagegen finde es gut, wenn man eben nicht alles allzu ernst nimmt. Rap sollte mehr sein als nur Selbstdarstellung.


Politisch?

- Politisch, sozialkritisch, zwischenmenschlich, Hip-Hop sollte eine Botschaft haben.


Du hast noch nicht aufgegeben, Botschaften zu vermitteln?

- Botschaften muss man verpacken, auf die coole Art. Die Leute wollen einen guten Beat, nicht unbedingt eine Message. Aber einen Beat und eine Message zu haben, danach streben alle. Auf meiner Maxi habe ich mich mehr auf die Texte als auf die Reimtechnik beschäftigt. Das zu verbinden ist die Schwierigkeit. Gute Beats zu haben, Rhymes und eine Message, das ist das Essentielle. Und seinen eigenen Style: Ich kombiniere Alt und Neu und bleibe dennoch bei meinem Style.

Rap schafft Klarheit. Wenn Du sagst, "ich sags dir übers Mikro, du bist Scheisse, weil du's nicht bringst." Deshalb habe ich auch auf meiner Maxi eine Rapgruppe gedissed. Eine Rapgruppe (Three Trees) hat viel über Greenpeace und Umweltschutz gerappt. G Punkt rappte dann "Ich fahre so lange mit dem Auto herum, bis es keine drei Bäume mehr gibt. Dazu haben sie noch sehr schlecht gerappt, so dass man sie eigentlich nicht ernst nehmen kann. Jetzt musste ich sie aber mal dissen, musste ihnen sagen "Ich finde Euch Scheisse und mache das in der ganzen Schweiz bekannt".

Es geht um die Sache des Hip-Hop, die geklärt werden muss. So etwas verkauft sich dann noch als Schweizer Hip-Hop!

Wir sind eine eigenständige Subkultur und machen unser eigenes Ding. Wir wurden ausgegrenzt in Basel, von den Rockern. Da stand auf Plakaten, wir spielen nur gute Musik, keinen Rap. Da haben wir gesagt, wir brauchen Euch nicht. So ist das Selbstbewusstsein gestiegen. Deswegen ist es mir auch nicht so wichtig, dass wir vor einer Rockjury gewonnen haben. Verstehst Du das?


Ihr habt es nicht mehr nötig.

- Nein, das wäre arrogant. Wir sind bereits respektiert bei Leuten, die Hip-Hop gern haben. Das ist schwierig zu erklären. Wir haben nie auftreten dürfen, deshalb haben wir etwas Eigenes organisiert, eine eigene Szene.


Als MC auf der Bühne hast Du Macht. Dir hören sie alle zu. Mit deinen Botschaften sagst du, was Hip-Hop ist. Ist das so?

- Die Rolle der MCs darf man nicht überbewerten, aber auch nicht unterschätzen. Rapper sind intelligente Leute, können mit Sprache umgehen und sind sich ihrer Rolle bewusst. Doch Hip-Hopper mögen nicht das Theoretisieren. Sie bilden sich selbst ihre Meinung, die Texte sind nicht so wichtig. Allerdings kann man doch als Musiker mehr erreichen als ein Politiker, wenn man an Bob Geldorf und Live-Aid denkt.


Und an Euer Wake Up!?

- Ja, die Politik reagiert immer erst viel zu spät. Wir wurden damals immer ausgelacht, als wir über Drogen und Ghetto gerappt haben. Das sind alles Sachen gewesen, die wir vorausgesehen haben. Die Politiker sagten immer "Na, seid mal nicht so krass. Ihr seid doch nicht aus dem Ghetto." Jetzt ist Heroin aus dem Hip-Hop-Milieu verbannt. Du bist Aussenseiter, wenn Du Heroin nimmst. Das hat Wake Up bewirkt.


Wie kam Wake Up in Gang?

- Das war Luanas Idee. Sie nahm Kontakt auf mit dem Verein für Gassenarbeit. Dann wurde ein Rap geschrieben, ein Auftritt folgte und ein Konzert auf dem Barfi. Leute, die Heroin genommen hatten, waren auch da. Das war ziemlich hart. Dann wurde ein Sampler gemacht, der Präventionssampler. Darauf folgte eine Tournee durch die ganze Schweiz. Es war hart. In jeder Stadt sagten sie "Bei uns ist es Scheisse". Auch in Chur und in anderen Orten, wo wir es nicht erwartet hatten, nahmen Leute Heroin. Wichtig finde ich aber, dass man nicht mit dem Zeigefinger daherkommt, sondern Leute zum Denken animiert.


Hip-Hopper unterhalten also und engagieren sich gesellschaftlich.

- Ich habe ein Problem mit reiner Unterhaltung. Wenn man das Wort zerpflückt, dann heisst es eigentlich "unten halten" (zeigt: drückt jemanden bildlich nach unten). So wie Brot und Spiele der Alten Römer. KRS-One sagte deshalb, er mache "Edutainment": Education (Bildung) und Entertainment (Unterhaltung) gleichzeitig. In Frankreich ist Hip-Hop besonders in den Banlieus stark. Man rappt von seinem Quartier, von seinem 18. Pariser Arrondissement, in New York von der Bronx oder in Stuttgart von "Benztown".

Das macht für viele Hip-Hop so toll: Man lernt andere Städte kennen. Da entsteht eine Weltoffenheit, weil jeder von seiner Umgebung erzählt. Chuck D sagte, Rap ist CNN für Schwarze. Rap schärft das Bewusstsein: Man fragt sich: Wer bin ich? Woher bin ich? Das hat nichts mit Nationalbewusstsein oder so zu tun. Im Gegenteil. Einige haben sogar einen Komplex, weil sie nur Schweizer oder Deutsche sind. Darum fühlen sich so viele zum Hip-Hop hingezogen. Es ist global und lokal. Genauso wie viele Leute der zweiten und dritten Generation - sie sind auch "weder-noch".

Im Hip-Hop kannst du dich entwickeln, egal woher du kommst. Rassen- und Klassenunterschiede existieren nicht. Dafür geht es halt um die Frage: Wer ist besser? Eine Anarchie gibt es nicht, man baut sich immer wieder ins System ein. Im Unterschied zu den Punks zum Beispiel reden wir über Zukunft, Geld, Überleben und Gut-Leben. Revoluzzern ist nicht unser Ding. Hip-Hop hat viele konservative Elemente, dessen sind sich viele nicht bewusst. Viele denken links, wollen aber nicht viel mit Linken zu tun haben, sind zum Beispiel für erleichterte Einbürgerung. Aber auch nur, weil es sie selber betrifft.


Ein Problem ist ja sicherlich die Kommerzialisierung. Eine zweischneidige Sache?

- Ich finde, Kommerz ist cool. Ich gönne es jedem, wenn er davon leben kann, was er mag. Da habe ich Respekt. Wenn jedoch jemand kommt und das nur macht, damit andere ihn cool finden und er Geld machen kann, dann bekomme ich Probleme. Sorry, das ist "Sell-out", er verkauft sich und seine Seele. Deshalb heisst der Track auf der Maxi "Sell out suckers".

Verkaufen zu wollen ist doch legitim. Ich will nicht im Untergrund sterben. Ich mache es, weil es Spass macht. Mit CH-Rap kann man nicht viel Geld machen. Man sagt schnell Kommerz und meint in Wirklichkeit Sell-out. Jeder arbeitet daran, dass er davon ernten kann, was er macht. Das war früher auch schon so. Respekt gilt allen, die es geschafft haben uns sich treu geblieben sind.


Welche Unterstützung braucht Jugendkultur?

- Man soll nicht nur fordern. Ich habe alles selber aufgebaut. Was fehlt, sind gute Räumlichkeiten. Ein Freiraum. Etwas, das Leute von der Strasse holt. Das Jugi Gundeli zum Beispiel ist cool. Wenn das die ganze Zeit offen wäre! Ateliers und Studios brauchen wir. Die kann man sich nur leisten, wenn man arbeitet. Legale Wände brauchen wir auch. Es wäre schön, wenn Veranstalter Einheimische im Vorprogramm auftreten lassen würden.


Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

- Ende April 99 höre ich auf im Roxy. Was ich dann mache, weiss ich noch nicht genau. Konzerte geben, Sprühen, DJ-ing, Schauspieler sein? Auf jeden Fall will ich nicht mehr 100% arbeiten. Das killt Kreativität.

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