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Gespräch mit Cozkun (Tuff Kid) im Euler 9 im Frühjahr 1999






Hip-Hop lohnt sich. Breakdancer Cozkun ( Tuff Kid) von den berühmten Basel City Attack hat zwei Tanzschulen aufgebaut. Sein Rezept: Man muss nur genug schwitzen, dann klappt alles. Ich treffe mich mit ihm in seinem Studio im Jugendtreff Euler 9.


Cozkun Was machst Du so alles?

- Breaken, Tanzen, alles. Projekte mit der ganzen Schweiz. Ich habe eine eigene Tanzschule mit Manager.


Eine eigene Tanzschule?

- Ja, es sind zwei: in Lenzburg (AG) und Zürich. Im Sommer möchte ich drei neue Schulen aufmachen. Wir haben uns da einen Raum gemietet und unterrichten. Ich gebe jedoch nur noch Workshops, keinen Unterricht mehr.


Kann man davon leben?

- Ja, es lohnt sich! Ich mach das nicht nur zum Spass. Was ich trainiert habe, zahlt sich jetzt aus. Seit 6 Jahren trainiere ich schon. Schon vor vier Jahren hab ich mir vorgenommen, einmal davon zu leben. Ich will nicht angestellt sein und einen Chef haben. Ich will mein eigener Chef sein. Das wusste ich schon als 13-/14jähriger. Ich verstehe nicht, dass (nennt ein paar Namen aus der Basler Szene) immer noch nicht vom Hip-Hop leben. Wenn ich mit dem Herz dabei bin, habe ich doch nicht das Gefühl, dass ich mich verkaufe.

Jetzt so langsam kann ich davon leben. Es gibt trotzdem Tage, wo ich kein Geld habe. Lange Zeit habe ich mir damit Geld verdient, Käppchen zu nähen - von Hand und habe sie dann verkauft. Ich habe keinen Bock auf Schule. Das Tanzen hab ich im Blut. Man sagt immer wieder, macht eine Lehre, Kunst und Kultur haben keine Zukunft. Das ist nicht wahr! Es klappt, man muss nur genug schwitzen. Es gibt Gründe genug, dafür zu leben. Du bist jung und wirst nicht ernst genommen. Schade, in Basel haben wir eine gute Szene und gute Leute, es fehlt nur an Zusammenhalt.


Was ist mit B4R?

- Ich war auch dabei, ich war für den Tanzblock zuständig. Es hat‚s nicht gebracht.


Warum ist B4R Deiner Meinung nach auseinandergebrochen?

- Es gab keine Disziplin, im Büro hat man nur Witze gerissen und geschwätzt. Und viel geschrieben, das konnte B4R gut. Wir wurden unglaubwürdig.


Wie soll der Idealzustand aussehen?

- Ich weiss nicht, keiner gönnt anderen Kollegen in seinem Niveau etwas. Ich brauche sie jetzt nicht mehr. Ich hab genug Connexions. Mir langen meine fünf Leute. Ich frag mich: Wo bleibt die Family? Ende der 80er-Jahre gab es extremen Zusammenhalt, Anfang der 90er wurde er noch grösser.


Wieso?

- Da ist es noch nicht um Geld gegangen. Jetzt denken alle ans Geld verdienen.


Wie ging es bei Dir mit Hip-Hop los?

- Ich war auch in einer Gang (lacht). Ich war ein Mitläufer, der junge kleine Türke, der tanzt. Richtig bin ich erst seit '96 dabei. Anfang '89 habe ich Breakdance trainiert, um mir Respekt zu verschaffen - nicht für mich selber. Ich bin da neun Jahre alt gewesen, einer der jüngsten in der Schweiz, etwas ganz Spezielles. Ich bin 19 Jahre alt, habe Volksschule und sonst keine Ausbildung. Jetzt ist es eigentlich schlimmer als wenn ich normal schaffen würde!


Was hast Du denn für einen Tagesablauf?

- Um zehn Uhr aufstehen, bis 14 Uhr trainieren. Dann gibt es einiges zu erledigen - im Studio, in der Stadt, im Büro mit dem Manager, es hört irgendwie nie auf! Für mich trainiere ich sechs Stunden am Tag.


Wie bist Du zu diesem genialen Raum gekommen?

- Ich kannte ein paar Leute von der Eulerstrasse (Jugendtreff). Ich hab als 16jähriger mal zwei Contests organisiert, die sind gut angekommen.


Wie sieht sonst die Raum-Situation aus?

- Es hat genug Platz zum Trainieren. Im Jugi Gundeli war ich öfters, da bin ich quasi aufgewachsen. Ich schaue deshalb gerne vorbei. Auch um zu sehen, was die Jüngeren so machen. Mein Bruder (Cosmic Pop) breakt und macht Electric Boogie.


Wer ist in Deinen Augen ein Hip-Hopper?

- Nur Aktive, die vom Herzen dabei sind und nicht weil es 'in' ist. Alle anderen sind Konsumenten.


Wie wichtig sind Klamotten?

- Meine sind von adidas gesponsert. Ich zieh nur Trainersachen an, die sind gemütlich. Die addidas-Sachen müssen wir bei Shows immer anziehen.


Mit Deiner Crew (Basel City Attack) warst Du ja sehr erfolgreich.

- Wir sind dreifacher Schweizer Meister (1994, 1997, 1998). Ich war 1998 der beste Single Breaker Europe in einer B-Boy-Session in Stuttgart/Böblingen.

Früher, 1994, haben wir auch bei der Battle of the Year mitgemacht, wurden vierter von 20. Jetzt hab ich keinen Bock mehr drauf. Die Battle wurde zu sehr vermarktet. Sie drehen ein Video darüber, verkaufen es und die Crews bekommen kein Geld, obwohl sie da mittanzen.

Ich allein hab noch an einer Theatershow in Paris mitgemacht - mit einer der besten Truppen Frankreichs: Choream ("Körper und Seele"). Da gab es Tanz, Film und Theater mit den besten Leuten der Welt, aus L.A., New York, Deutschland…. In der Air Force Crew waren Tänzer von Run DMC dabei. Hier in Basel passiert wenig, weil Hip-Hop zu wenig ernst genommen wird.


Ist das in Frankreich anders?

- In Frankreich ist es ganz anders. Da hat Tanzkultur und Hip-Hop einen Wert an sich. Hip-Hop war in Frankreich für viele eine Rettung von der Strasse. Hier sind sie alle verwöhnt, Geld bekommen sie vom Arbeitsamt, sie haben keinen Drang zum Schaffen, die Bonzensöhnli.


Und in Frankreich?

- Beide, Hip-Hopper und die Gesellschaft sind offener, sie haben eine andere Mentalität. Paris ist Metropole für weltbekannte Kunst und Kultur. In der Schweiz leben Künstler von Leuten, die reich sind.


Warst Du schon mal in Japan?

- Ich bin eingeladen worden zu einem Contest, als Special Guest. Eines Tages bekam ich das Telefon, ich habe nicht gewusst, dass man mich da kennt.


Ausser Sonic sind in deiner Crew nur Türken.

- Ja, das ist gut so (grinst). Früher gab es nur wenige Aktive unter den Türken. In Deutschland machen fast nur Türken Hip-Hop. Es macht Spass, wenn viele Türken dabei sind. Früher haben Türken geklaut, fielen durch Gewalt auf in den Gangs. Das hat sich jetzt geändert. Unser Image hat sich gebessert.


Hat die türkische Herkunft eine Bedeutung?

- Nein, die ist wurscht. Es ist Zufall, dass in der Crew fast nur Türken sind. Mein Freundeskreis ist international. Früher waren es nur Türken, jetzt auch Thais und Japaner. Was ich schön finde: Auch in der Türkei gibt es eine grosse Hip-Hop-Szene. Wir sind mal nach Istanbul eingeladen worden. Da geht es voll ab. In jeder Stadt, in jedem Land, bis in die Dominikanische Republik…


Warst Du da auch?

- Ja, da gab‚s Shows und Feste, die Leute rappen, machen Electric Boogie.


Fühlst Du Dich als Türke?

- Ich fühle mich voll als Türke - und ich fühle mich gut. Ich lebe auch den Glauben. Mir ist der Islam wichtiger als Karriere. Ich mache aber nicht mehr so viel. Ich gehe zwar jeden Freitag in die Moschee, bete aber nicht fünf Mal am Tag.

Die Zulu-Nation ist auch vom Islam beeinflusst und wendet sich dagegen, dass man nur ans Business denkt. Africa Bambaata holte früher mit Hip-Hop Leute von der Strasse. Statt mit Fäusten sollte man sich im DJ-en, Rappen, Breaken und Sprühen messen. Man sollte positiv denken, kein Schweinefleisch essen, nicht lügen, kein Alkohol und keine Drogen nehmen. Da gibt es viele Ähnlichkeiten mit dem Islam.


Wie stehst Du dazu?

- Der Gedanke ist gut, auch wenn man nicht alles immer einhalten kann.


Was hältst Du von dem Gedanken, Hip-Hop sei etwas wie eine Religion? Das kam mir manchmal so vor - mit dem Jam als Gottesdienst.

- Eine Religion? Nein (Pause). Auf eine Art vielleicht schon, eine Art Lebenseinstellung. Hip-Hop bestimmt schon, wie man denkt, es ist mehr eine Filosofie. Früher vielleicht noch mehr, als Hip-Hop mehr Underground war, wo Aktive die Jams organisiert haben. Heute machen es oft Clubs, die keine Ahnung von Hip-Hop haben, die House und sonst alles gemischt anbieten. Breaker sind für die nur Unterhaltung. Heutzutage…, ich würde nie in Clubs breaken, das ist unter meiner Würde, reine Geldmacherei, das gehört nicht zum Hip-Hop.


Einige Hip-Hopper können aber inzwischen von Hip-Hop leben.

- Ja, die kannst du aber mit der Hand abzählen, gerade im Tanzbereich. Mich fragen oft Leute "Breakst Du immer noch?" Ich sag dann "Das ist mein Job. Ich bin Künstler."


Was machst Du, wenn Du 50 bist?

- Wart ab! In anderen Ländern ist das ein ganz normaler Job. Da sind Künstler angesehen.


Was hältst Du von Basel als Stadt? Lebst Du gerne hier?

- In Basel bin ich geboren und aufgewachsen. Samstag abend wissen sie nicht, wie sie sich amüsieren sollen. Barock? LaLuna? Das sind doch alles Scheissclubs.

Es ist komisch, wenn ich zurückdenke. In Basel hatte ich kein Erfolg gehabt, ich war im Ausland beliebter. Auch in Zürich oder Milano. Was für ein Unterschied! In Milano sind sie voll duurekeit. In Japan haben sie mir fast die Haare ausgerissen. In Paris war es auch krass.


Leute von auswärts sind ja immer etwas Spannendes. Die Einheimischen kennt man schon. Und der Profet im eigenen Land…

- Ja, das ist normal, regt mich aber trotzdem auf. Hier wird man nicht geschätzt. Wir erzählen immer von den anderen, den Tänzern aus Paris und New York…


Was fehlt in Basel?

- Ein geiler gemütlicher Club. Mit internationalen Leuten, gutem Sound, Rap und nicht nur R&B und Soul, davon gibt es zu viel. Wo man gut chillen kann, tanzen.


Was machst Du, was nicht mit Hip-Hop zu tun hat?

- (überlegt) Bowling spielen, gut essen, ausruhen, chillen, mich massieren lassen, ja und Sprudelbäder nehmen, das ist ein geiles Hobby!


Wie ist es bei Euch in der Szene - ist Kosovo ein Thema? Ist Hip-Hop auch politisch?

- Hip-Hop ist politisch. In türkischen Raps geht es viel über Situation in der Schule, Hip-Hop ist gegen Rassismus und Gewalt. Kosovo ist aber kein Thema. Wenn man Tänzer anschaut, sieht man was er denkt. In einem Stück erzähle ich nicht, ich tanze es. Ich unterstütze keine Partei.


Wie ist es mit den Kurden?

- Ich denke, es gibt wie überall Leute, die auf der einen oder anderen Seite aktiv sind. Ich finde Hip-Hop sollte sich da nicht reinziehen. Kurden sind schon manchmal extrem, sie leben nur für die Politik.


Was hast Du für Pläne?

- Europatourneen, die Schweiz abräumen und Frankreich… Endlich davon profitieren, was ich selber aufgebaut habe. Das ist mir nicht auf dem Tablett serviert worden, ich habe geschwitzt, trainiert.

Mein Traum ist es mit eigenen Leuten zu schaffen. Japan, Dänemark, Frankreich - allein hin und zurück, da hab ich kein Bock drauf, es ist besser, mit eigenen Leuten zu schaffen.

Aufs Unterrichten hab ich kein Bock. Vor drei Jahren habe ich angefangen. Die Schüler schätzen deine Arbeit nicht. In Paris ist das anders, die sind mit Musik aufgewachsen. In der Schweiz spielt man zu wenig Musik. Schau in der Steinen läuft keine Musik. In Paris oder in der Türkei läuft überall Musik in den Läden. Schüler muss man ermahnen, für sie ist es nur Hobby. Das ist ja gut und recht, aber ich habe keine Lust, wenn sie es nur deswegen kommen, weil es in ist.

Ja, wenn ich 50 bin, dann werde ich vielleicht wieder unterrichten.

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