Dies ist der alte Teil der Webseite. Zum Text auf dem neuen Teil der Webseite geht es hier: http://www.lorenzk.com/deutsch/2002/wasserkraft-in-norwegen-saubere-energie-legitimiert-verschwendung/




Wasserkraft in Norwegen:


Saubere Energie legitimiert Verschwendung





Norwegen ist eines der wenigen Länder Europas, das für seine Energieerzeugung weder Atom- noch Kohlekraftwerke braucht. 99% aller Energie stammt aus umweltfreundlicher Wasserkraft. Doch umweltfreundlich ist norwegische Energie nur auf den ersten Blick.

Wer nach längerer Zeit in Norwegen wieder "auf dem Kontinent" (Ausdruck der Norweger für Mitteleuropa) ist, vergisst das Licht auszuschalten, wenn er aus dem Haus geht. Mit der Zeit hat man sich an manche Gewohnheiten der Norweger angepasst (dazu gehört auch mit Strom zu heizen!). Viele Norweger sind so an ständige Beleuchtung gewohnt, dass, hat man das Licht vor dem Schlafengehen im Wohnzimmer gelöscht, sie erscheinen und das Licht wieder anschalten. Es gibt Leute, die in einem hell erleuchtetem Raum vergeblich nach Lichtschaltern gesucht haben.

Beginnt man eine Diskussion mit ihnen darüber, wird man in der Regel auf das niedrige Preisniveau hingewiesen (nur ein Bruchteil dessen was auf dem Kontinent üblich ist) und auf die Umweltfreundlichkeit der Energieerzeugung: Wozu also sparen? Wen schadet der Verbrauch? Wasser gibt es genug.

Wasserfall westliche Hardangervidda. 22,5kb
Preis der Wasserkraft: Immer weniger Wasserfälle wie diesen in der westlichen Hardangervidda oberhalb von Kinsarvik

Vergessen wird, dass für jedes Wasserkraftwerk Flüsse reguliert und gedämmt sowie Strassen gebaut werden müssen - und das oft in den schönsten Gegenden. Darauf weist die neueste Ausgabe der Zeitschrift "Natur & miljø" des norwegischen Naturschutzbundes (Norges Naturvernforbund) hin.

1000 Kilometer von Norwegens Flüssen sind so gut wie trocken gelegt, auf 4000 Kilometern ist die Wasserführung bedeutend reduziert. Jedes Kraftwerk verändert den Charakter eines Flusses und damit die Lebensbedingungen von Tieren und Pflanzen. Auf einer Konferenz 10 Jahre nach dem Ausbau des Alta-Flusses (das in Norwegen umstrittenste Projekt), berichteten Forscher von reduzierter biologischer Vielfalt. Raubvoegel wie Adler und Falke haben das Gebiet verlassen. Da sie ganz oben in der Nahrungspyramide stehen, gelten sie als zuverlässige Indikatoren fuer die "ökologische Gesundheit" eines Gebietes.

Aufgrund der ständigen Wasserpegelschwankungen, die normal sind für einen regulierten Fluss, hat der Fischbestand drastisch abgenommen. Der Kraftwerksbetreiber ist 1997 sogar per Gericht zu Entschädigungszahlungen von 375 000 Kronen (47 000 Euro) an die Grundeigentümer verpflichtet worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Kraftwerksbetrieb fuer den Rückgang des Fischbestandes verantwortlich ist.

Eine grosse Protestbewegung hat der Ausbau des Altaflusses aber wegen einer anderen "Nebenwirkung" ausgelöst. Nach den ursprünglichen Plänen sollte ein ganzes von Saamen bewohntes Dorf und Jahrhunderte alte Wanderrouten der Rentiere unter Wasser gesetzt werden. Die Saamen, Urbevölkerung in Nordskandinavien, sahen ihre Lebensgrundlage bedroht. Der Damm wurde zwar dennoch Anfang der 80er-Jahre gebaut, allerdings in kleineren Ausmassen. Ähnliche Folgen von Wasserkraftprojekten kennen wir aus anderen Teilen der Welt, woran auch europäische (und norwegische) Konzerne beteiligt sind.

Für die Geschichte der norwegischen Naturschutzbewegung war der Kampf um die Flüsse einer der wichtigsten Elemente und begann bereits vor etwa 100 Jahren im Zuge der Industrialisierung. Seit den 70er-Jahren gewann die Umweltschutzbewegung an Einfluss, und nach den Protesten gegen das Alta-Kraftwerk wurde es schwieriger, ähnliche Projekte durchzuziehen. 341 Wasserläufe sind unter Schutz gestellt. In seiner Neujahresansprache am 1. Januar 2001 verkündete der damalige norwegische Staatspräsident Jens Stoltenberg, die Zeit der grossen Wasserkraftprojekte sei vorbei.

Dem ist offenbar nicht so. Die Naturschutzvereinung weiss von Plänen weiterer Ausbauprojekte. Das norwegische Parlament arbeitet derzeit einen neuen Plan für den Schutz von Wasserläufen aus. Die Flüsse, die noch nicht ausgebaut wurden, werden von neuem auf ihr Nutzungspotenzial untersucht. "Die Preise auf dem Energiemarkt werden vermutlich bestimmen, was passiert", so Svein-Thore Jensen, Leiter der Abteilung Wasserschutz im Naturvernforbund. Eine Koalition aus mehreren Naturschutzorganisationen hat eine Liste mit über 100 schützenswerten Flüssen der zuständigen staatlichen Stelle übergeben.

Der Bedarf an zusätzlichen Kraftwerken ist in Norwegen jedenfalls vorhanden. Der Energieverbrauch steigt. Denn Energie ist in Norwegen (noch) billig - und nach Ansicht der Mehrheit auch sauber.






Leicht aktualisierte Version dieses Artikels: http://www.lorenzk.com/deutsch/2002/wasserkraft-in-norwegen-saubere-energie-legitimiert-verschwendung/



Mehr im Netz:




Lorenz Khazaleh, 09. Januar 2002, ergänzt am 15.1.02, 6.12.02