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Kein Geld, aber viel Zeit

Date posted: June 11th, 2002 Last modified: December 7, 2016

Nicolas Bouvier: Die Erfahrung der Welt – in den 50er-Jahren nach Afghanistan

Zwei junge Künstler, ein Schriftsteller und ein Maler, fahren Anfang der 50er-Jahre in einem alten Fiat von der Schweiz nach Afghanistan. Fast zwei Jahre sind sie unterwegs. “Ich mag Sachen, die Zeit brauchen”, schreibt der Schriftsteller.

Wenn Sie ein Zimmer nehmen, dann gleich für vier Wochen. Einen ganzen Winter verbringen sie in einem Bergdorf in Aserbaidschan, weil die Strassen nicht befahrbar sind. Geld haben sie nur für vier Monate. Reisen heisst daher auch arbeiten. Nicolas schreibt Artikel, hält Vorträge oder unterrichtet, Thierry malt Bilder. Irgendwie klappt es immer. Als ihnen mal das Geld ausgeht, lässt sie ein Dorfpolizist im Gefängnis übernachten. Überall treffen sie auf gastfreundliche Leute, die ihnen zum Abschied Adressen von Freunden und Verwandten, die auf dem Weg wohnen, mitgeben.

280erfahrung_der_welt.jpg Langsam geht es schon allein wegen ihres Gefährtes voran, das sie – exotisch für uns – Bergpässe hochschieben müssen – und zuvor völlig entladen. Bei Wüstendurchquerungen lassen sie die Luft aus den Reifen: es fährt sich so besser im Sand. Immer wieder nehmen sie das Auto auseinander oder warten wochenlang auf Ersatzteile aus der nächst grösseren Stadt. Doch Zeit lassen sie sich vor allem, weil sie es für sie als natürlich erscheint.

Auf diese Weise lernt man ein Land ganz anders kennen. Von der Langsamkeit profitiert das Buch. Sicher, als Leser lernt man viel darüber, wie es in Ländern wie Iran und Afghanistan, die jetzt in den Schlagzeilen sind, vor 50 Jahren zuging. Manches ist ähnlich wie heute: Kurden werden diskriminiert, die amerikanischen Entwicklungshelfer isolieren sich, “tranken ihr abgekochtes Wasser aus Angst vor Baktieren und Krankheiten, denen sie doch nicht entkamen”, schreibt Bouvier schadenfroh. Und die Amerikaner ziehen Projekte wie den Bau einer Schule durch, mit denen die Einheimischen überhaupt nichts anfangen können.

Aufregend schildert Bouvier den langen Winter in einem armen aserbaidschanischen Ort namens Tabriz. Richtig warm wars nur im Kino, “wo längst gestorbene Filmstars in aller Heimlichkeit überlebten”. Die Kälte forderte ihre Opfer, doch selbst die Ärmsten boten ihnen ihr letztes Stück Brot an. Erstaunlich: Auf der gesamten Reise treffen sie Leute, die franzoesisch sprechen. Teheran ist keine schöne, dafür belesene Stadt, wo selbst die Bettler hunderte von Versen von Hafiz oder Nizhami auswendig können. In Afghanistan jedoch ist von den Taliban nichts zu lesen, es herrschte zu der Zeit noch der König.

Sehr wohltuend: Bouvier überhäuft einen nicht mit Fakten wie es einige Reiseautoren tun. Der Text ist in tagebuchähnlich aufgebaut. Beobachtungen und Gedanken, Gespräche und eigene Erfahrungen nehmen mehr Platz ein als Nachgelesenes. Wenn es nun zu einem meiner Lieblingsbücher geworden ist, dann wegen des reflektierenden und so poetischen Schreibstils. Immer wieder kommt man zum Schluss: Hier war ein Künstler am Werk!

Ein Textauszug: Die Freunde verbringen eine Nacht in den anatolischen Bergen. Eingemummelt in die Pelzjacke, kochen sie Tee, rauchen, können nicht schlafen:

“Du lehnst dich an einen Hügel, erblickst die Sterne, die undeutlichen Umrisse unserer Erde, die sich gegen den Kaukasus hin bewegt, die phosphoreszierenden Augen eines Fuchses. Die Zeit vergeht mit glühheissen Tassen Tee, ein paar Bemerkungen, Zigarretten und dann bricht die Morgendämmerung ein, die Wachteln und Rebhühner mischen sich ein. Du beeilst sich, diesen einmaligen Augenblick wie einen leblosen Gegenstand tief ins Gedächtnis zu versenken, um ihn später wieder einmal hervorzuholen. Man streckt sich, macht ein paar federleichte Schritte, und das Wort ,Glück’ erscheint für das, was einem zustösst, ziemlich dürftig. Allen in allem sind es weder Familie noch Karriere, die das Skelett unseres Daseins ausmachen, auch nicht das, was andere von dir denken oder sagen, sondern Augenblicke wie diesen.”

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