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Worte statt Bomben: Die Friedensarbeit der Nansenschule

Date posted: March 29th, 2002 Last modified: December 29, 2014

Politiker und Medien verbreiten die Meinung, Konflikte liessen sich nur mit Bomben lösen. Das jüngste Beispiel ist der sogennante “Krieg gegen den Terror”. Selbst manche sonst kritisch eingestellte Menschen räumten kleinlaut ein: “Ja, was ist die Alternative?” Dabei gibt eine simple Art von Konfliktlösung, die erstaunlicherweise nur selten angewandt wird: der Dialog.

Steinar Bryn, Rektor der norwegischen Nansenschule, berichtete auf einer Veranstaltung in Sola bei Stavanger von seinen Erfahrungen in der Dialogarbeit im Nahen Osten und auf dem Balkan.

Die Nansenschule besteht seit 1938 und baut auf dem humanitären Engagement des Polarfahrers Fridtjof Nansen auf. Seit den 90er-Jahren steht Dialogarbeit als Mittel der Konfliktbewältigung im Zentrum ihrer Arbeit. Denn, wie Steinar Bryn bemerkt, immer wenn mehr Kommunikation notwendig ist (er brachte immer wieder das Beispiel des sich entfremdenden norwegischen Ehepaars ein), nehme die Kommunikation faktisch ab. Ein grosses Problem im Kosovo z.B. seien fehlende Arenen für gemeinsamen Dialog zwischen Serben und Kosovo-Albanern. Feindbilder lassen sich leicht aufbauen, wenn jede Gruppe in einer Welt für sich lebt.

Angesichts der Medienberichte mag erstaunen, was Bryn erfuhr: Es besteht ein riesen Bedürfnis, miteinander zu reden. “Feindbilder entstehen zu Hause und in der Schule. Dort wird einem beigebracht, wer gut und wer böse ist. Das Bild wird schnell nuanciert, wenn man Menschen von der anderen Seite trifft.”

Die Schule veranstaltet Seminare, in denen sie Vertreter verschiedener miteinander in Konflikt stehenden Gruppen zusammenbringt, die offen sind für Dialog: Jugendliche, Leute in Führungspositionen und andere Multiplikatoren. Die Fragestellung eines Seminars für Vertreter verschiedener religiöser Gruppen lautete z.B.: “Gibt es Gemeinsamkeiten in der Ethik? In welchen Gebieten sind wir einer Meinung?”

Während den olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer brachten sie Palästinenser und Israelis zusammen. Für einige von ihnen war dies das erste Mal, dass sie mit jemanden von der anderen Seite gesprochen haben.

Die Seminare erstrecken sich über mehrere Tage. Am ersten Tag wird gerne munter gestritten, bevor man sich am nächsten Tag Dialogübungen widmet. Am dritten Tag werden Lösungen erarbeitet.

Sehr wichtig ist der informelle Meinungsaustausch. Der wichtigste Raum in der Nansenschule, so Bryn, sei der Raucherraum. In den vergangenen Jahren beschäftigte sich die Schule mit Friedensarbeit auf dem Balkan. “Alle auf dem Balkan rauchen. Nach einem Vortrag wird dann eifrig im Raucherraum weiter diskutiert.”

Unter Dialog versteht Bryn folgendes: Er muss ehrlich geführt werden. Reden ist genauso wichtig wie zuhören. Das Ziel ist, den anderen zu verstehen und nicht zu verändern.

Seine Arbeit beruht auf sechs Prinzipien:

  • (1) Neutralität: beiden Seiten, die Sicherheit zu vermitteln, ihre Sicht erzählen zu koennen. Solidaritaet mit einer Seite zu zeigen, z.B. mit den Schwächeren, kann Konflikte verstärken.
  • (2) Es reicht nicht, Recht zu haben: alle meinen, sie hätten Recht, deshalb gibt es Konflikte
  • (3) Humor
  • (4) Kreativität: neu und anders denken. Er erzählt von einem Reisenden, der auf drei streitende Brueder trifft. Er fragt sie nach der Ursache. Der Vater sei gestorben. 17 Kamele seien zu verteilen. Der Älteste hätte laut Testament Anspruch auf die Hälfte, der nächstälteste auf einen Drittel und der Jüngste auf ein Neuntel. Wie soll das aufgehen? Der Reisende sagt: “Nimm mein Kamel. Dann hast du 18”. Gesagt getan. Der Älteste bekommt 9, der nächsälteste 6, der Jüngste 2. Ein Kamel blieb übrig. Der Reisende: “Bekomme ich jetzt mein Kamel wieder?”
  • (5) Es gibt immer mehr als zwei Seiten: Zwei 60 jährige Frauen aus Serbien bzw Albanien werden, wenn sie eine Tasse Kaffe miteinander trinken, herausfinden, dass sie ein ähnliches Leben führen und andere für die konfliktreiche Situation verantwortlich sind.
  • (6) Von Position zu Interessen: Redet man miteinander, entdeckt man, dass die Menschen dieselben Interessen haben: Gute Ausbildung für sich und die Kinder, Mitbestimmungsrecht etc

Für manche mag sich Dialogarbeit wie eine theoretische intellektuelle Tätigkeit anhören. Doch die in Norwegen erworbenen Einsichten tragen die Teilnehmer mit nach Hause, und inzwischen gibt es zahlreiche Nansenzentren ausserhalb Norwegens – von ehemaligen Teilnehmern gegründet, besonders auf dem Balkan. Einige der Kursteilnehmer sind hochrangige Politiker geworden.

Der Nansenschulrektor vermutet, der Dialog werde so wenig genutzt, weil augenblickliche Massnahmen wie Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin dringlicher erscheinen. Sein Traum ist, dass bei künftigen Konflikten die Nachrichtensprecher verkünden: “Keine Sorge. Das Nansenteam ist schon unterwegs.”

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