Wieviel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft?

Notizen zu einer hysterischen Debatte in Deutschland, geschrieben für die norwegische Zeitung Utrop im Jahre 2004

Vor kurzem bekam ich einen Anruf aus Deutschland. “Jetzt ist Schluss mit der multikulturellen Gesellschaft”, sagte die Stimme am anderen Ende. “Der Traum ist aus und vorbei.” Ich verstand erstmal gar nichts. Dann startete ich den Browser und klickte mich in ein paar deutsche Zeitungen. Nun verstand ich mehr: Die Ermordung des holländischen Filmemachers Theo van Gogh hat eine hysterische Debatte ausgelöst, in der Politiker und Leitartikelschreiber erklärt haben: Jetzt ist Schluss mit Toleranz. Und alle haben begonnen, zwei neue Wörter zu benutzen: Parallelgesellschaft und Leitkultur.

Es war ein Marokkaner, der Van Gogh ermordet hatte. Was Deutschlands gut drei Millionen Türken – abgesehen vom Islam – mit den Marokkanern gemeinsam haben, weiss ich nicht, aber nach dem Mord hat sich die Aufmerksamkeit der Deutschen hauptsächlich auf die Türken gerichtet. Bezeichnenderweise waren es die Türken, die meinten, eine grosse Demonstration in Köln veranstalten zu müssen, um zu zeigen, dass sie sich vom Mord distanzieren.

Vielleicht war es ja an der Zeit, dass sich die Deutschen für die Türken interessierten, sagte der Soziologe Claus Leggewie in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Man hat sich nämlich für die Türken hauptsächlich als Arbeitskraft interessiert und weniger für ihre Religion oder ihren Alltag. Türken – das waren für die Deutschen immer die Gastarbeiter, so Leggewie. In den 60er-Jahren reisten die Fabrikchefs persönlich in die Türkei, um sie als gefragte Arbeitskraft nach Deutschland zu holen. Man meinte, die Türken würden nach ein paar Jahren wieder verschwinden – eine naive Annahme wie sich zeigen sollte.

Parallelgesellschaft und Leitkultur

Für viele Türken ist Deutschland ihr Zuhause geworden – trotz Jahrzehnten mit offener Diskriminierung. Viele von ihnen haben wenig mit Deutschen zu tun und reden auch nach 40 Jahren in Deutschland nur gebrochen Deutsch. Die Deutschen werfen den Türken vor, Parallelgesellschaften gegründet zu haben und verlangen von ihnen, dass sie “sich integrieren sollen” und sich einer sogenannten “Leitkultur” anzupassen zu haben. Leitkultur ist ein bereits früher viel kritiserter Begriff, der nach dem Mord an Van Gogh eine Renaissance erlebte.

Es hagelt Angriffe gegen den Islam: Islam, wird behauptet, sei unvereinbar mit Demokratie und Christentum, “westlichem Lebensstil” und “westlichen Werten”.

Es gibt genug Gründe, sich über diese Debatte aufzuregen und die Argumente als Stammtischgerede abzutun. Ja, man kann den Eindruck haben, dass viele nur auf eine Gelegenheit gewartet haben wie diesen Mord. Die Leute sassen in den Startlöchern mit ihren vorgeschriebenen Copy & Paste – Argumenten.

Türken isolieren sich

Aber das Interessante ist, dass viele sonst eher positiv oder neutral gegenüber Einwanderung eingestellte Leute nun zu zweifeln angefangen haben und offener denn je über Probleme reden: “Vielleicht sind wir Deutschen einfach nur Träumer, die nicht die Probleme im Umgang mit Fremden erkennen”, räumten Münchner Ethnologiestudenten gegenüber Utrop ein.

“Es hat sich viel Frustration angestaut während der vergangenen Jahrzehnte – auf allen Seiten. Jetzt tritt sie offen zu Tage, erklärt Radiojournalist Philipp Pfäfflin gegenüber Utrop.

Er erzählt, dass in der Tat einige Türken nicht am Kontakt mit Deutschen interessiert seien.

”In unserem Haus lebt eine türkische Familie. Der Vater ist Vorsitzender eines Islam-Vereins, der Schriften zur “Aufklärung” verteilt. Da steht unter anderem drin, dass Frauen sich unterzuordnen und sich zu verschleiern haben. Ich habe mehrmals das Gespräch gesucht, doch ausser einer freundlichen Fassade kommt nicht viel. Mir ist es egal. Ich weiss, dass es in jeder Religion solche und solche gibt.“

Sogar Türken haben begonnen, ihre Landsleute zu kritisieren, sagt der Journalist:

”Zum Beispiel meine türkischen Interview-Partner. Seit vierzig Jahren hier. Super integriert, in vielen Vereinen, haben sich auf eigene Initiative Deutsch beigebracht. Sie regen sich auf über viele ihrer Landsleute, die ähnlich lang hier sind, aber immer noch kein Deutsch sprechen. Sie kritisieren, dass die Imame in der Türkei ausgebildet werden, für wenige Jahre nach Deutschland kommen und dann wieder zurück gehen. Sie sind sauer, dass immer wieder junge Mädchen nachgeholt werden – zum Heiraten – so dass es nicht zu einem Miteinander in Deutschland kommen kann, sondern die Integration immer wieder von vorne anfängt.“

Hysterische Debatten

Der mangelnde Wille dieser Türken, mit den Deutschen zu tun zu haben, ist jedoch nur eine Seite der Sache. Alle, die jemals im Ausland gelebt haben, wissen, dass Integration ein beidseitiger Prozess ist: Man zieht sich zurück, wenn man Ablehnung erfährt, sich nicht akzeptiert fühlt und diskriminiert wird.

Wenn die Türken sich isolieren in ihren Parallelgesellschaften, dann hat das einen Grund. Doch die Ursachen dieser Segregation werden in Deutschland nicht diskutiert. Kanzler Schröder begnügt sich mit seiner selbstgerechten Forderung, ”die Ausländer müssen sich integrieren“, ohne sich zu fragen, was der Staat selbst tun kann.

Genauso wenig wird debattiert, ob oder inwieweit Parallelgesellschaften überhaupt schädlich sind für die Gesellschaft.

Wieviel Segregation erträgt eine Gesellschaft?

Fremd in einer Gesellschaft zu sein ist nicht leicht und für viele Menschen eine Herausforderung. Viele Einwanderer sind froh, wenn sie auf Leute treffen, die dieselbe Sprache sprechen oder einen ähnlichen Background haben. Das gibt Sicherheit. Landsleute sind eine wichtige Ressource für den Integrationsprozess. Deshalb gibt es deutsche Vereine in Norwegen und norwegische Vereine im Ausland (z.B. von norwegischen Zahnarztstudenten in Deutschland), deswegen lassen sich norwegische Rentner in eigenen Quartieren in Spanien oder in den USA nieder.

Wieviel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft? Wieviel Segregation erträgt sie? Das ist eine zentrale Frage. Und: Ist es vielleicht möglich, sowohl in der Parallelgesellschaft wie auch in der Mehrheitsgesellschaft zu leben? Wie gewöhnlich ist das?

Man könnte diese Fragen ja anhand bereits länger existierenden Parallgesellschaften diskutieren. Es ist bekannt, dass die wirtschaftliche und politische Elite in vielen Ländern isoliert in eigenen Vierteln wohnt – oft hinter hohen und gut bewachten Mauern – und ihre Kinder auf Privatschulen schickt. Dieser Sachverhalt ist inzwischen gut dokumentiert, schreibt Thomas Pany in einem Artikel in Telepolis. ”Uppers“ und ”Downers“ in England z.B. haben infolge eines neuen Buches von Ferdinand Mount, eines früheren Mitarbeiters von Margareth Thatcher, fast keinen Kontakt miteinander. Und die Unterschiede zwischen Arm und Reich wachsen. Pany erwähnt ausserdem Eric Maurin, der in Frankreich denselben Trend beobachtete und die Haltung kritisiert, nur auf die Ghettos von Einwanderen zu schauen.

Leitkultur?

Offen ist auch die Frage, was nun mit jener ”Leitkultur“ gemeint ist, an die sich die Einwanderer nun anpassen sollen. Dass dieses bereits in den 90er-Jahren verrufene Wort hervorgekramt wurde, sagt so manches aus über die Debattkultur in Deutschland, wo Nationalismus und Patriotismus stubenrein geworden sind. Problematisch ist der Begriff Leitkultur, weil er eine eindeutige Grenze zieht zwischen einer ”Kultur der Einwanderer“ und einer ”Kultur der Deutschen“ und nicht zuletzt auch zwischen Christentum und Islam.

Diese Weltsicht macht Menschen blind dafür zu sehen, dass ich als Deutscher mit einem Ethnologen aus Kolumbien mehr gemeinsam haben kann als mit einer deutschen Bauersfrau. Diese Weltsicht macht einen blind dafür, Gemeinsamkeiten zu sehen zwischen den Religionen und gegenseitigen Beeinflussungen im Laufe der Geschichte. Der norwegische Theologe Oddbjörn Leirvik sagte kürzlich, dass moderate Christen und moderate Muslime mehr gemeinsam haben als moderate Muslime mit fundamentalistischen Muslimen. Es ist in Norwegen eine bekannte Sache, dass viele Muslime in die christlichen Volkspartei eingetreten sind, weil diese Partei für Werte steht, mit denen sich Muslime identifizieren können. Eine Polarisierung findet laut Leirvik nicht zwischen den Religionen, sondern innerhalb der jeweiligen Religion statt.

Der Problem ist also nicht der Islam, sondern der wachsende Fundamentalismus – sowohl im Christentum als auch im Islam. Wie Eberhard Seidel in der taz hinweist, ist es wichtig, diese Gemeinsamkeiten zwischen islamischem und christlichem Fundamentalismus zu sehen und die Verbindungen zu Antisemitismus, Nazismus und Faschismus.

Und Fundamentalismus hat gute Wachsbedingungen in einem Klima, wo der Sozialstaat immer mehr abgebaut wird, meint Journalist Philipp Pfäfflin: ”Viele Deutsche sind völlig verunsichert von den Sozialreformen (Agenda 2010). Sie sind froh, dass nicht nur sie selbst mies dastehen, sondern dass sie auch auf andere zeigen können.”

Lorenz Khazaleh, veröffentlicht in der norwegischen Zeitung Utrop.no am 25.11.04


MEHR DAZU:

So what kinds of people exist – really? (Ethnologe Thomas Hylland Eriksen ueber unsere hilflosen Bemuehungen, Menschen in Kategorien wie “Auslaender, Muslim etc einzuteilen)

Die ethnologische Kritik am Kultur-Konzept (Auszug aus meiner Lizarbeit/ Magisterarbeit)

Letzter Link-Check: 24.6.2021

First published: December 4, 2004

Comments

Amira says:

Sehr geehrter Herr Lorenz,

ich bin Kulturwissenschaftsstudentin an der Universität Bremen. Gerade recherchiere ich für einen kritischen Essay und stieß dabei auf Ihren Artikel: https://www.lorenzk.com/lizarbeit/13.html. Ich habe gesehen, dass es ein Ausschnitt aus ihrer Magisterarbeit ist und wollte fragen, ob ich daraus zitieren darf? Dazu wäre es sehr hilfreich auch das Literaturverzeichnis dieser Arbeit einsehen zu können.

Mit freundlichen Grüßen Amira Eistert

Lorenz says:

Sehr geehrte Frau Eistert,

Sie können gerne aus meiner Magisterarbeit zitieren. Sie befindet sich hier https://lorenzk.com/lizarbeit/
Und hier ist das Literaturverzeichnis: https://lorenzk.com/lizarbeit/bibliografie.html
Mit freundlichen Grüssen

Lorenz Khazaleh

Leave a Reply